24.03.2004 | Rubrik: Presse
Keine Neustrukturierung mit fataler Ideologie
Bündnisgrüne: Keine Zerschlagung der psychologischen Beratung ohne greifbare Alternative
Auf Anweisung des Landrats soll im Kreis Offenbach die psychologische Beratung völlig neu geordnet werden.
„Der Landrat lässt die Abrissbirne über einem funktionierendem System schweben ohne dass eine praktikable Alternative in greifbare Nähe gerückt ist“, so der Vorwurf von Reimund Butz, Sprecher der bündnisgrünen Kreistagsfraktion, zu den Kündigungen der Räumlichkeiten der kreiseigenen Beratungsstellen.
Im Februar wurden durch den Kreis die Räumlichkeiten beider psychologischer Beratungsstellen gekündigt: die Heusenstammer Beratungsstelle soll im Mai, die Beratungsstelle in Dreieich/Sprendlingen im November ins Kreishaus nach Dietzenbach ziehen. Zudem findet Personalabbau in den Einrichtungen statt.
Als Perspektive steht die Idee im Raum, psychologische Beratung, Schuldner- und Suchtberatung zusammen mit Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenleistungen (Hartz IV) unter einem Dach in drei Beratungszentren im West-, Mittel- und Ostkreis anzubieten.
Im Kreisjugendhilfeausschuss fasste ein Vertreter des Fachdienstes Jugend und Soziales zusammen, dass die Idee dabei ist, auf die Menschen institutionellen Druck auszuüben.
„Eine solche Beratungsideologie ist zum Scheitern verurteilt“, unterstreicht Reimund Butz, „durch das Ausüben von institutionellem Druck entsteht institutionelle Willkür – so lässt sich die Annahme von Beratung nicht erzwingen!“
„Oder soll es letztlich darum gehen, zuerst einen Beratungsschein über eine erfolgreiche Beratung vorweisen zu müssen, bevor man eine Geldleistung erhält?“ fragt sich die bündnisgrüne Kreistagsfraktion.
Auf das Verhalten von Menschen Einfluss zu nehmen, heißt zunächst, ihre Würde zu wahren, Respekt und Empathie vor der jeweiligen Lebensleistung aufzubringen. Man hat von der Grundannahme auszugehen, dass jeder Mensch grundsätzlich in Eigenverantwortung, selbstbestimmt und als mündige Bürgerin und mündiger Bürger sein Leben gestalten will. Dazu sind Beratungs- und Steuerimpulse von außen in bestimmten Fällen sinnvoll, die aber immer als akzeptierende Hilfe und als Angebot wahrgenommen werden müssen. Ein institutioneller Druck ist da völlig fehl am Platz – äußeren Druck aufgrund defizitärer Lebensverhältnisse verspüren die Menschen, die auf Beratung angewiesen sind, zur Genüge.
Das Angebot von Akzeptanz muss schon im Erscheinungsbild einer Beratungsstelle erkennbar sein. Bereits die optische Verbindung zwischen psychologischer Beratung und materieller Leistungsgewährung belastet im Regelfall die individuelle Bereitschaft, sich zu öffnen. Eine womöglich direkt gewollte Verbindung nach dem Motto: “Nur, wenn du bereit bist, dich beraten zu lassen und dein Leben zu verändern, erhältst du auch Geld zum Lebensunterhalt“ ist nach Auffassung der Bündnisgrünen entwürdigend und stelle zivilisatorische Standards in Frage.
„Wir hoffen, dass sich eine solche Beratungsideologie nicht durchsetzt und die Fachleute sich von solchen Plänen distanzieren werden“, so Reimund Butz abschließend, „Wir brauchen im Kreis Offenbach ein funktionierendes Beratungsnetz im Verbund mit niedrigschwelligen Angeboten. Umstrukturieren kann man erst, wenn ein neues, akzeptables und durchdachtes Konzept auf dem Tisch liegt. Alles andere hätte für die Menschen, die auf ganzheitliche Beratung angewiesen sind, schlimme Konsequenzen, da sich Probleme verfestigen und chronifizieren, wie Fachleute darlegen. Aber auch für den Kreis hätte dies fatale Folgen – nicht zuletzt in finanzieller Hinsicht, da zu spät einsetzende Hilfen immer teurer sind.“


